Geschichte

"Hallo Puppenarsch", sagte Sammy Drechsel zu der schönen Blonden, "ich habe uns 'ne neue Kasse gekauft. Willst Du die alte Kiste haben?" - Und ob. Durch die Kasse waren bereits Millionen gelaufen und Sylvia Uthoff dachte, mit dem Ding kann nichts mehr schief gehen. So gelangte die erste Kasse der Münchner Lach- und Schießgesellschaft 1963 in den Besitz der Familie Uthoff und ist seit 1965 die Kasse des Rationaltheaters.
Vielen Dank Sammy!
Seit 1965 ist das Rationaltheater in München eine Institution. Der Kabarettist und Volkswirt Reiner Uthoff, der die Bühne 40 Jahre lang leitete, hat das Theater zusammen mit Horst Reichel und Ekkehart Kühn gegründet und schrieb dort ein Stück deutsche Kabarettgeschichte. Reiner Uthoff inszenierte über 35 Stücke und führte sie zusammen mit Jochen Busse, Otto Sander, Sigi Zimmerschied, Bruno Jonas und vielen anderen auf.
Die Programme im Rationaltheater waren von Anfang an nonkonformistisch und scheuten keine Auseinandersetzung. Die Folge waren 61 Strafverfahren wegen Gotteslästerung, Beschimpfung des Staatsoberhauptes und anderen Delikten, die heute in keinem deutschen Gesetzbuch mehr zu finden sind.
PRESSE
© DIE ZEIT, 02.09.1966 Nr. 36 www.zeit.de/1966/36/Escalcttion
ESKALATION
Dem „Münchner .Rationaltheater", einem jungen Kabarett von der politisch harten Sorte, genügt es nicht, wenn sich das Publikum amüsiert. Textschreiber Hannes Stütz hat sich in Ostberlin Photokopien besorgt und notariell beglaubigen lassen, die — wenn sie echt sind — Bundespräsident Lübke mit KZ-Bauten in Zusammenhang bringen. Die Bilder und Texte sind im Schaufenster des Kabaretts ausgestellt. Aber nur die erste Rate. Kabarett-Chef Kühn versichert, der Vorrat reiche für acht weitere Ausstellungen. Je nachdem, ob das Bundespräsidialamt etwas dementiere oder nicht, werde man die gleichzeitig im Programm laufende Lübke-Nummer verschärfen oder belassen. Bisher steht der stufenweisen Ausstellungs-Escalation nichts im Wege. Aus der Villa Hammerschmidt kam noch kein Dementi.
Datenbank zum Literarischen Leben in den deutschsprachigen Ländern 1969
www.literarischesleben.uni-goettingen.de
KLAU-IN
Das Rationaltheater ruft zu einem großen "Klau-in" in einem Kaufhaus am Stachus auf, um Weihnachtsgeschenke für die Kinder von strafgefangenen Eltern zu stehlen. Rund fünfzehn als Nikolaus verkleidete Männer, die dieser Aufforderung nachzukommen versuchen, werden mit einem Ladenverbot belegt und von der Polizei vom Eingang des Kaufhauses ferngehalten. Das Rationaltheater hatte zuvor von den Münchner Kaufhäusern auf ultimative Weise je 1.200 DM in bar oder Waren gefordert, um die rund 300 Kinder von Gefangenen in Frankfurt-Preungesheim und Aichach beschenken zu können. Die Kaufhäuser hatten die Forderung abgelehnt. Gegen den Leiter des Theaters, Rainer Uthoff, wird ein Ermittlungsverfahren wegen versuchter Erpressung eingeleitet.
Deutsche Tagespost, 26.7.1988
TATORT VATIKAN
München. Das satirische "Rationaltheater" in München-Schwabing führt die gesamte Spielzeit 1988/89 ein antiklerikales Programm mit dem Titel "Tatort Vatikan" auf, in dem vor allem die oft verschwiegenen Verbrechen der katholischen Kirche breiten Raum einnehmen. Mit der Programmzeitschrift "Präservatore Romano" wird auch ein Handzettel zum Kirchenaustritt verteilt. Regisseur Reiner Uthoff will 50.000 Kirchenaustritte im Laufe der Spielzeit erreichen.
TAZ 29.11.1989
Hofer Pfarrgemeinderäte versuchten eine Aufführung des Programms Tatort Vatikan zu verhindern, das u.a. eine Abrechnung mit diversen vatikanischen Finanzskandalen enthält. Der Hofer Kulturreferent blieb jedoch standhaft. Das Kabarett hat nach einem Jahr Spielzeit mit rund 60.000 Zuschauern laut eingegangenen schriftlichen Äußerungen von Kabarettbesuchern gut 1.000 Menschen zum Kirchenaustritt veranlasst.
